Genealogien philologischer Denkfiguren. Divination und organologisches Textverständnis

Das Projekt ist Teil einer breiter angelegten Untersuchung der formativen Phase der modernen Philologien in Deutschland im ausgehenden 18. und frühen 19. Jahrhundert, die als Kooperation des Leibniz-Zentrums für Literatur- und Kulturforschung mit der am Seminar für Klassische Philologie der Universität Heidelberg eingerichteten Internationalen Koordinationsstelle Theorie der Philologie avisiert ist. In einer Fallstudie werden mit Friedrich August Wolfs Darstellung der Altertumswissenschaft nach Begriff, Umfang, Zweck und Wert (1807) und August Boeckhs Enzyklopädie und Methodologie der philologischen Wissenschaften (1809–1865) zwei zentrale Gründungstexte der Klassischen Philologie dahingehend untersucht, inwiefern sich Denkfiguren aus den untersuchten lateinischen Texten in methodologisch konstitutiver Weise auf die Rhetorik dieser Programmschriften übertragen haben.

Der Fokus liegt hierbei auf den Denkfiguren des Divinatorischen und des organologischen Textverständnisses. So rekurriert der bei Wolf und Boeckh unternommene Versuch einer rational-methodischen Grundlegung konjekturaler Verfahren in Textkritik und Interpretation implizit auf die bei Cicero (de divinatione) artikulierten proto-hermeneutischen Überlegungen zur Deutung von (göttlichen) Zeichen: Bereits dort wird explizit ein Zusammenhang zwischen den Deutungspraktiken priesterlicher interpretes einerseits und philologischer grammatici andererseits hergestellt und in der Form des Dialogs die Frage der (un)möglichen rationalen Grundlegung divinatorischer Verfahren problematisiert. Auch die Vorstellung des Untersuchungsgegenstands als organisches Ganzes impliziert für die eigenen Praktiken der Definition und Disposition des Gegenstands ein kulturtheoretisches Spannungsfeld zwischen Natürlichkeit und Künstlichkeit, das sich in der Denkfigur der Agrikultur bereits bei Varro (de re rustica) reflektiert findet. Die Untersuchung dieser Verfahren der Sakralisierung des Gegenstands bzw. der Naturalisierung des eigenen Verfahrens in den Schriften zweier zentraler Gründungsfiguren der Klassischen Philologie soll den Blick auf die Rhetorizität der disziplinären Selbstbeschreibung lenken.

2019
Leitung: Christian Haß