Katastrophe im europäischen Denken des 20. Jahrhunderts. Eine kritische Begriffsgeschichte

Dieses von Anson Rabinbach an der Princeton University betreute Dissertationsprojekt zeichnet die dynamische Geschichte des Begriffs der Katastrophe im europäischen Denken des 20. Jahrhunderts nach und konzentriert sich auf deutsch-jüdische Intellektuelle und Reaktionen auf den Holocaust. Es fasst unterschiedliche Auffassungen von Katastrophe in verschiedenen Disziplinen zusammen und unterstreicht die zentrale Bedeutung, die er in der Arbeit einiger der wichtigsten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts, darunter Theodor W. Adorno, Walter Benjamin, Hannah Arendt, Günther Anders und Reinhart Koselleck, hat. Zusammengenommen bilden diese Denker ein intellektuelles Netzwerk, das durch Reaktionen auf die Kataklysmen verbunden ist, die viele von ihnen aus erster Hand erlebt haben. Während für Koselleck die Krise ein »Grundbegriff« der modernen historischen Erfahrung war, deutet dieses Projekt darauf hin, dass die Katastrophe die Krise als historischen und politischen Grundbegriff nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs ersetzt hat. Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde der »offene Horizont« (Koselleck) der modernen historischen Zeit zunehmend von Katastrophenvisionen getrübt, von nuklearen Bedrohungen während des Kalten Krieges bis zur »langsamen Katastrophe« des heutigen Klimawandels. Mit zunehmendem Bewusstsein für drohende Katastrophen nahmen europäische Intellektuelle den neuen Imperativ des »wider die Katastrophe zu denken« auf, wie Günther Anders es einmal sagte. Adorno bemerkte daher 1965: »Fortschreiten heute heißt ja wirklich nichts anderes, als die totalen Katastrophe vermeiden und verhindern.« Der Katastrophenbegriff ist somit nicht nur ein negativer Indikator für Gewalt und Zerstörung, sondern spielte auch eine wesentliche positive Rolle bei der Rekonstruktion des Nachkriegsdenkens.

Stipendium der Deutsch-Amerikanischen Fulbright-Kommission 2019–2020
Leitung: Jonathon Catlin