Schwellenszenen der Stimme. Zur Vorgeschichte der Bioakustik zwischen Wissenschaft, Medientechnik und Literatur um 1800 und 1900

Die Stimme trennt und verbindet zugleich: Gilt sie einerseits als Signum des Humanen, als Stoff, aus dem die menschliche Sprache und damit das anthropologische Differenzkriterium schlechthin gemacht ist, ist sie andererseits kein rein menschliches Ausdrucksmittel. Auch Tiere und manche Maschinen sind zur Stimmgebung in der Lage. Die Schwellenposition der Stimme zwischen Leiblichem und Intelligiblem, Naturgeräusch und Sprachkultur birgt ein Konfliktpotential, dem die Dissertation in historisch-systematischer Perspektive nachgeht. Ihren Ausgangspunkt bilden dabei die beiden Sattelzeiten um 1800 und 1900 (samt ihrer konzentrischen Ausstrahlungen ins 18., 19. und 20. Jahrhundert), als die Wahrnehmung der Stimme entscheidende Umbrüche erfuhr.

Um 1800 wurden neue Verfahren und Techniken der Stimm- und Sprachsynthese entwickelt, welche die Stimme erstmals vom menschlichen Körper isolierten und in ihrer anthropologischen Differenzqualität relativierten. Sie trafen auf eine zeitgenössische Debatte zum Sprachursprung, welche die genuine Menschlichkeit von Stimme und Sprache ihrerseits zur Disposition stellte. Worin sich die menschliche von der maschinellen, aber auch der tierlichen Stimmgebung unterscheide, wurde im Austausch von Physiologie und Anatomie, Technologie, Sprachphilosophie und Literatur kontrovers diskutiert. Um 1900 wiederum erfuhr die Wahrnehmung der Stimme einen neuerlichen Einschnitt: Seinerzeit entwickelte Medientechniken wie Mikrophon und Phonograph eröffneten innovative Zugänge zum Lautverhalten von Tieren, welche die zeitgenössische Diskussion um die evolutionsgeschichtliche Verwandtschaft zwischen Menschen und Tieren mitbestimmten. Im Rahmen tierphonographischer Experimente wurde erforscht, ob auch Tiere über eine rudimentäre Form der Sprache verfügten und wie sich die menschliche Sprache aus der Tierstimme entwickelt haben könnte. Sowohl um 1800 als auch um 1900 waren die Debatten und Experimente in eine neue Kultur des Hörens eingebettet, die ihr ›Ohrenmerk‹ insbesondere auf die ober- und unterhalb der menschlichen Aufmerksamkeitsschwellen erklingenden Töne der Natur richtete.

Die sechs Schwellenszenen der Stimme, anhand derer diese Umbruchphasen entfaltet und hinsichtlich ihrer diskursiven und technischen Voraussetzungen, ihrer Akteure, Praktiken und Narrative untersucht werden, fügen sich zu einer Vorgeschichte der Bioakustik – derjenigen in den 1950er Jahren sich institutionalisierenden Teildisziplin der Biologie, die sich mit den Lauten von Tieren befasst. Wie die Dissertation zeigt, reichen deren Anfänge mindestens bis ins 18. Jahrhundert zurück, als die Tierstimmenkunde noch kein Spezialgebiet der Naturforschung war, sondern ein heiß umkämpfter Möglichkeitsraum, der von Anthropologen und Literaten, Maschinentechnikern und Physiologen gleichermaßen besetzt wurde. Auftrieb bekamen die Auseinandersetzungen durch die spezifischen methodischen und epistemischen Herausforderungen, mit denen sich die Erkundungen von Tierlauten um 1800 und 1900 jeweils unterschiedlich konfrontiert sahen und die gleichzeitig zu deren fortschreitender Ausdifferenzierung als eigenständiger Forschungszweig bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts beitrugen. Mit der Untersuchung jener Bioakustik avant la lettre zeigt die Dissertation zugleich die Erkenntnismöglichkeiten einer ›kulturwissenschaftlichen Bioakustik‹ auf, welche verschiedene Zugriffe auf die Tierstimme auch jenseits der Naturwissenschaften in den Blick nimmt.

ZfL-Promotionsstipendium 2014–2015
Leitung: Denise Reimann

Publikationen

Marianne Sommer, Denise Reimann (Hg.)

Zwitschern, Bellen, Röhren
Tierlaute in der Wissens-, Medientechnik- und Musikgeschichte

Neofelis Verlag, Berlin 2018, 242 Seiten
978-3-95808-230-4

Veranstaltungen

Workshop
27.11.2015 – 28.11.2015

Zirpen, Bellen und Trompeten. Tierlaute in der Medien-, Literatur- und Wissensgeschichte

Universität Luzern, Frohburgstr. 3, 6002 Luzern (Schweiz) Hörsaal 8

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