Sound Writing. Experimenteller Modernismus und die Poetik der Artikulation

Das Buchprojekt untersucht die Idee des sound writing in seiner zentralen poetischen Relevanz für die Epoche der experimentellen Moderne. Es verfolgt die Entwicklung dieser Idee von ihren Anfängen in wissenschaftlichen Disziplinen des 19. Jahrhunderts, wie der Physiologie und der experimentellen Phonetik, über ihre späteren Ausarbeitungen in den ästhetischen Praktiken der Zwischenkriegsavantgarde bis hin zu ihrer Wiederkehr in verschiedenen neoavantgardistischen Projekten der Nachkriegsjahrzehnte. Sound writing, wie es in diesen Kontexten konzipiert wird, beruht auf der Visualisierung von gesprochener Sprache mit graphischen Mitteln und macht so das akustische Phänomen der vokalen Artikulation lesbar. Bei den modernistischen Projekten, die das Buchprojekt untersucht, geht es daher immer um die Möglichkeit eines Übergangs vom Hörbaren zum Sichtbaren, vom Sprechen zur Notation, vom Körper zur Spur und/oder zum Zeichen. Die Suche nach solchen Möglichkeiten – und die verschiedenen Medien, Techniken und Konzepte, die dabei zum Einsatz kamen – spielte, so die These, die zentrale Rolle bei der Verwandlung der Poesie in einen Raum radikaler sprachlicher Experimente.

Mein Buch zeichnet den Verlauf dieser Transformation über einen Zeitraum von etwa einhundert Jahren nach: Das Projekt des sound writing nahm erstmals im Kontext einer empirischen Verswissenschaft Gestalt an, die sich in den 1870er Jahren herausbildete und deren Befürworter versuchten, die »exakten« Eigenschaften der poetischen Sprache über die grafische Registrierung körperlicher Sprechbewegungen zu ermitteln. Das Phänomen wanderte dann aus der Sphäre der Laborforschung in den Bereich der ästhetischen Produktion ein, wo es in den Jahrzehnten nach dem Ersten Weltkrieg in vielfältigen Strategien seinen Ausdruck fand, die Dichtung durch den Rückgang auf ihre elementarsten Artikulationsbedingungen zu erneuern. Das Phänomen tauchte schließlich in den 1950er und 1960er Jahren wieder auf, als Artikulation zur Schlüsselkategorie wurde, um den Begriff des poetischen Experiments vor dem Hintergrund eines neuen »technologischen Zeitalters« neu zu überdenken.

Indem ich diese drei unterschiedlichen Phasen des sound writing in Beziehung zueinander analysiere, eröffnet sich ein neuartiger Blick auf Geschichte der Avantgarde, die fast immer über ihren »Bruch« mit der ästhetischen Tradition des neunzehnten Jahrhunderts definiert wurde. Diese vorherrschende Betonung von Diskontinuität hat weitgehend den Blick darauf verstellt, inwieweit zentrale Strategien des avantgardistischen Experimentierens – entwickelt, um etablierte visuelle und poetische Prinzipien aufzulösen – fundamental durch frühere Entwicklungen außerhalb des Bereichs ästhetischer Produktion bedingt wurden. Anhand modernistischer Praktiken des sound writing zeigt mein Buch, wie sich die explizite Verleugnung traditioneller ästhetischer Normen durch die Avantgarde über die (oft implizite) Aneignung bestehender wissenschaftlich-experimenteller Konzepte und bildgebender Verfahren entfaltete.

Forschungsstipendium der Alexander von Humboldt-Stiftung 2019–2021
Leitung: Tobias Wilke

Publikationen

  • »The Word as Sound and Sight:Verbi-voco-visual Explorations‹ between McLuhan and Bense«, in: Culture Theory Critique (2019), Sonderheft »Information Aesthetics« [in Vorbereitung]
  • »The Making of a Manifesto: Historiography, Transcription, and the Beginnings of Dada«, in: The Germanic Review 91/4 (2016), Sonderheft »Dada 1916/2016«, 370–391
  • »Da-da: ›Articulatory Gestures‹ and the Emergence of Sound Poetry«, in: MLN 128/3 (2013), 639–668